SMPV ‒ der Weg zur Musik
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Musikpädagogischer Verband
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Marie-Claire, Du hast als erste Schweizerin eine Ausbildung in Musikgeragogik absolviert. Wie bist Du mit diesem noch jungen Fachbereich in Berührung gekommen?

Das war eigentlich ein reiner Zufall. Ich habe mich immer schon für die Arbeit mit älteren Menschen interessiert. Irgendwann bin ich auf das  Standardwerk von Theo Hartogh und Hans Hermann Wickel* aufmerksam geworden. Nach der Lektüre sagte ich mir: das ist es. Zur gleichen Zeit wurde an der Fachhochschule Münster/D im «Fachbereich Sozialwesen» eine entsprechende Ausbildung angeboten und ich habe mich angemeldet. Als Musikerin war ich dort allerdings eine untypische Kandidatin, da die Ausbildung gewöhnlich eher von Personen absolviert wird, die im Sozialbereich tätig sind. Ich hatte selber aber auch schon Kurse in Kranken- und Sterbebegleitung besucht.

Der Begriff Musikgeragogik mag mancherorts Assoziationen wie Geriatrie und Spital wecken. Doch was bedeutet er eigentlich?

Es geht um ein Begleiten. Wir erleben und gestalten Musik mit  älteren Menschen unabhängig von ihrem körperlichen oder geistigen Zustand. Die einzige Bedingung ist, dass sie das auch wollen und nie dazu gezwungen werden. Es handelt sich dabei nicht um eine späte musikalische Erziehung, ihnen soll einfach die Möglichkeit geboten werden, miteinander zu musizieren. Die Musikgeragogik richtet sich auch nicht an ältere Fortgeschrittene, die vielleicht einfach in ihren manuellen Möglichkeiten eingeschränkt sind, sondern vorwiegend an Personen ohne musikalische Vorbildung.

Kannst Du anhand eines Beispiels beschreiben, was man in solchen Kursen machen kann?

Ich habe im Kurs «Musikgeragogik», welchen ich im Rahmen des Weiterbildungsangebots des SMPV Nordwestschweiz im September durchführte, vier verschiedene Einheiten angeboten. Wir haben mit Boomwhackers, Trommeln und Veeh-Harfen musiziert. Sehr gut gefällt mir persönlich das Musizieren nach einem sogenannten Musizierplan. Der Leiter nimmt dabei ein Stück aus einem beliebigen Werk, in diesem Fall den Marsch aus Tschaikowskys Nussknacker-Suite. Die erste Herausforderung für die Teilnehmer bestand darin, zunächst möglichst viele Aspekte des Stückes selber herauszufinden und herauszuhören. Es ist immer wieder erstaunlich, was gerade die älteren Teilnehmer alles dazu zu sagen wissen. Die Fragen werden natürlich den Gegebenheiten der jeweiligen Gruppe angepasst. Der Geragoge muss auch sehr flexibel sein können, gerade bei demenzkranken Personen. Mit einem einfach zu handhabenden Instrumentarium wird das Stück dann gemeinsam begleitet. Die Teilnehmer finden das meist sehr spannend und anregend; sie können etwas begleiten, ohne bestimmte Voraussetzungen mitzubringen oder einem Leistungsdruck ausgesetzt zu sein. Wir hatten einmal eine schwerbehinderte Person unter den Kursteilnehmern, die nur unkontrollierte Schläge ausführen konnte. Jemand half, den Arm im richtigen Moment zu bewegen. Das war für diese Person ein enormes Erfolgserlebnis.

Du bist eine Pionierin im Bereich der Musikgeragogik in der Schweiz, hast schon zahlreiche Kurse in diesem Bereich gegeben, verfügst über ein vielfältiges Instrumentarium und kannst Dein Kursangebot mit Deinem «MusiCar» auch zu den Leuten bringen. Was sind Deine nächsten Ziele und Projekte?

Meine diesbezüglichen Tätigkeiten sind, wie auch allgemein der ganze Fachbereich, im Aufbau begriffen. In Rheinfelden (über Pro Senectute) und in meinem Wohnort (über «Senioren für Senioren») habe ich vor kurzem Schnupperkurse angeboten. Für mich persönlich steht im Moment Musik mit «gesunden» Alten im Vordergrund; in die Arbeit mit Demenzkranken möchte ich mich zuerst noch vertiefter einarbeiten. Die Zusammenarbeit mit Pflegepersonal, Gerontologen, Musiktherapeuten, Bewegungslehrern und sonstigen Fachpersonen wird hier unumgänglich.

Was die Einrichtung eines Ausbildungsangebotes in der Schweiz betrifft, sehe ich die Musikgeragogik ganz klar im sozialen Bereich angesiedelt, sie gehört meiner Meinung nach nicht an eine Musikhochschule. Das Interesse am Fach und an entsprechenden Ausbildungs- und Kursangeboten wird auch in der Schweiz stetig zunehmen. Entsprechende Initiativen setzen derzeit aber noch viel Zeit und Geduld voraus. Es gilt, Aufbauarbeit zu leisten, dann wird die Sache ins Rollen kommen. Mir persönlich ist es ein Anliegen, dazu beizutragen, dass solche Bildungsangebote fachlich und qualitativ hochwertig gestaltet werden – Achtsamkeit in der Altenarbeit ist mir das Allerwichtigste.

Interview: -bt

*Theo Hartogh und Hans Hermann Wickel: Musizieren im Alter. Arbeitsfelder und Methoden. Mainz: Schott, 2008.

 

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