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Ende eines Sonderfalls in der Schweizerischen Bildungslandschaft

Das Basler Schulsystem kennt seit Anfang der neunziger Jahre das Modell der Orientierungsschule. Der Name verweist auf das Programm, die individuellen Neigungen und Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern zwischen dem 5. und 7. Schuljahr zu erkennen und zu fördern. Die Orientierungsschule, in welche alle Schülerinnen und Schüler nach der Primarschule übertreten, kennt keine Noten; stattdessen geben Lernberichte und Beurteilungsgespräche Aufschluss über den individuellen Stand. Im dritten Jahr erfolgt eine Bewertung gemäss einer Punkteskala, die über die anschliessende Zuteilung entscheidet – zwei Niveaus an der Weiterbildungsschule (WBS) oder das Gymnasium stehen zur Auswahl. Mit dem vom Basler Grossen Rat im Sommer 2010 verabschiedeten Beitritt des Kantons zum Bildungskonkordat HarmoS wird nun das Ende dieses Sonderfalls absehbar; die Bildungsstrukturen sollen in der Nordwestschweiz vereinheitlicht werden. Damit einhergehen soll nach jetziger Planung auch das Aus für einen weiteren baslerischen Sonderfall, die sogenannten Musikklassen (offiziell: « Schulklassen mit erweitertem Musikunterricht ») .

Musikklassen: Erfolgreich, beliebt, politisch heikel

In Basel werden heute etwa 60 Schulkassen mit erweitertem Musikunterrichtgeführt. Sie erhalten wöchentlich 5 Stunden Musikunterricht, dafür ist das Pensum in den Fächern Deutsch und Mathematik entsprechend reduziert. Die Klassen erfreuen sich grosser Beliebtheit und gelten als besonders leistungsstark. Viele positive Erfahrungen wurden in den Musikklassen bislang gesammelt und teilweise durch Studien belegt: verbesserte Aufnahmefähigkeit der Schülerinnen und Schüler, eine erhöhte Sozialkompetenz durch gemeinsame Projekte, gute Leistungen auch in den anderen Fächern trotz teilweise geringerer Stundenzahl – die aktuell im Zusammenhang mit der Musikinitiative immer wieder ins Feld geführte leistungsfördernde Funktion musikalischer Betätigung für Schülerinnen und Schüler findet sich hier absolut bestätigt. Politisch sind die Musikklassen allerdings nicht unumstritten. Vor allem von linker Seite wird ihnen gerne ein elitärerer Charakter unterstellt. Zum einen wird moniert, die Beschäftigung mit Musik als Aufnahmekriterium setze ein entsprechendes soziales Umfeld voraus, welches nicht für alle Schülerinnen und Schüler gegeben sei. Weiter würden die Musikklassen für viele fremdsprachige Schülerinnen und Schüler aufgrund des reduzierten Deutschunterrichts nicht in Betracht kommen. Diese Klassen entsprächen somit nicht dem Leitbild der Orientierungsschule, welche auf Durchmischung und Chancengleichheit setzt, sondern entzögen vielmehr den anderen Klassen deutschsprachige SchülerInnen und Schüler.

Im neuen Schulsystem nicht mehr vorgesehen – Kantonale Konferenz interveniert

Im Entwurf zum « Portrait Volksschule Basel-Stadt » des Basler Erziehungsdepartements wird das Modell der Musikklassen nun ganz aufgegeben und der Musikunterricht erheblich reduziert. Während der neu sechsjährigen Primarschule und im ersten Jahr der neuen Sekundarstufe finden noch ganze zwei Stunden Musikunterricht pro Woche statt, während für das 2. und 3. Jahr im Rahmen des vorgesehenen Pflichtwahlsystems sowohl das Fach Musik wie auch Bildnerisches Gestalten ganz abgewählt werden können. Für die Kantonale Konferenz Schulmusik (KKSM) ist diese Planung absolut unakzeptabel, denn sie würde zu einem massiven Abbau innerhalb des Fachbereichs Musik, Kunst und Gestaltung führen.Die Konferenz hat deshalb bei der federführenden Projektleitung Schulharmonisierung interveniert und hofft, dass für die definitive Version des Portraits noch Verbesserungen erreicht werden können. Für ihren Co-Präsidenten Martin Metzger, der schon Ende der achtziger Jahre die erste Basler Musikklasse unterrichtete, ist es unverständlich, dass ein so erfolgreiches Modell nun ohne weiteres abgeschafft werden soll : « Diese Aussichten sind sehr frustrierend. Es gibt ganze Studienrichtungen, die untersuchen, warum die Musik für heranwachsende Menschen so förderlich ist. Überall wird dann jeweils gesagt « wunderbar, ein voller Erfolg! » – aus administrativen Gründen werden diese sogenannten Versuchsprojekte dann aber stillschweigend wieder eingestellt. » Tatsächlich erstaunt es, dass die so beliebten Musikklassen so- sang- und klanglos verschwinden sollen. Aus politisch-taktischer Sicht indessen scheint der Zeitpunkt, die Musikklassen zu beerdigen, geschickt gewählt. Urban Rieger von der KKSM: « Man hat die Musikklassen versuchsweise eingeführt, man merkte, dass diese sehr beliebt sind. Später stellte man fest, dass es auch Probleme gab. Diese Probleme anzusprechen war aber tabu, man wollte sich mit ihnen nicht auseinandersetzen. Man ergreift jetzt die Chance, das Projekt angesichts der anstehenden Reform zu beenden. Das Hauptproblem ist, dass man die Musikklassen nur als provisorisches Randangebot geführt hat, statt sie für alleSchülerinnen und Schüler einzuführen. Hätte man das getan, würde heute wohl niemand über die Abschaffung nachdenken. Die Musikklassen nicht dauerhaft zu installieren, war ganz klar ein grosses Versäumnis » .

Dialog angestrebt

Die Kantonale Konferenz Schulmusiksetzt derzeit vor allem auf den Dialog mit dem Erziehungsdepartement. Man hofft zunächst, auf die definitive Fassung des Portraits Volksschule, welches schon am 6. Juni erscheinen soll, noch Einfluss nehmen zu können. Bereits in Planung ist eine grössere Informationsveranstaltung zu den Musikklassen am nationalen Musiktag 2012. Trotz der für die Basler Musiklehrpersonen sehr ungewissen Aussichten glauben die Co-Präsidenten Susanne Jutzeler und Martin Metzger das Basler Modell der Musikklassen noch nicht verloren: « Unsere Hoffnung ist, dass die Verantwortlichen doch noch erkennen, dass man in Basel eine einzigartige Situation geschaffen hat und dass sie diese nicht nur unter dem Gesichtspunktder Anpassung des Schulsystems an den Bildungsraum Nordwestschweiz betrachten, sondern auch hinsichtlich seiner grossen Chancen, als ein Leuchtturm der musikalischen Bildung. »

-bt

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