SMPV ‒ der Weg zur Musik
Schweizerischer
Musikpädagogischer Verband
DE   FR   IT
Zurück zu «SMPV : Schweizer Musikzeitung»

Im Frühjahr 2011 bewarb sich die 28-jährige Flötistin und Musiklehrerin Michela Borioli (SMPV-Mitglied der Sezione di Lingua Italiana) um eine Stelle als Gymnasial-Musiklehrerin im Kanton Tessin. Man würde meinen, dass Borioli mit drei Masterabschlüssen (Lehrdiplom und Konzertreife Flöte, Schulmusik II) dafür bestens qualifiziert wäre. Doch weit gefehlt: ihr eidgenössisch anerkannter Masterabschluss in Schulmusik II, den sie an der Musikhochschule Luzern erworben hatte, wird für das Unterrichten an Tessiner Schulen nicht anerkannt. Über dieses Problem war sich Borioli selbst schon zu Beginn ihres Studiums im Klaren. Immer wieder suchte sie deshalb das Gespräch mit den zuständigen Institutionen: «Ich habe seit drei Jahren über Briefe, Gespräche und Telefonate versucht, etwas in Bewegung zu setzen, doch das alles hat nichts genützt.» So wurde Michela Borioli auf ihre Stellenbewerbung hin noch nicht einmal zu einem Gespräch eingeladen. Die Stelle erhielt eine italienische Kollegin. Ein Rekursgesuch Boriolis an die Erziehungsdirektion des Kantons Tessin wurde abgelehnt – die Behörden betonen indessen, sich bei der Ausschreibung streng an kantonale Richtlinien gehalten und gar keine Möglichkeit gehabt zu haben, Boriolis Bewerbung zu berücksichtigen. Borioli gab sich mit dieser Auskunft nicht zufrieden. Sie entschied sich, den Rechtsweg vorerst nicht weiter zu beschreiten, sondern den Fall öffentlich zu machen. Borioli: « Mein Ziel ist es, endlich Antworten zu bekommen von allen involvierten Stellen. Ich will wissen, warum die Situation so ist und was unternommen werden kann, um sie zu verbessern. Ich bin sicher nicht die einzige, die betroffen ist. Wenn wir alle das einfach akzeptieren, wird es immer so weiter gehen. »

Vom Wirbel, den schon der erste Zeitungsbericht in der Neuen Luzerner Zeitung auslöste, war Borioli zunächst selber überrascht. Der Fall beschäftigt denn zusehends auch die Politik südlich und nördlich der Alpen. So haben die Nationalräte Otto Ineichen, Felix Müri und Kathy Riklin bei der Tessiner Regierung, dem Bundesamt für Berufsbildung (BBT) und der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) interveniert; Ineichen hat ausserdem einen Vorstoss im Nationalrat in Aussicht gestellt. Denn die unerbittliche Haltung des Kantons Tessin stösst weithin auf Unverständnis; es wird deshalb unter anderem gefordert, der Kanton Tessin solle den Luzerner Abschluss in Eigenregie anerkennen (was er durchaus könnte). Dies umso mehr, als die Tessiner Ausschreibung es nahezu unmöglich machte, sich mit einem Schweizer Master (von denen mehrere noch nicht als Lehrbefugnis anerkannt werden) erfolgreich zu bewerben, während die Anerkennung eines ausländischen Diploms aufgrund der bilateralen Abkommen durch einfachere Verfahren und andere Parameter in der Regel ein problemloser Vorgang ist.

Im Kanton Tessin hat der Kantonsrat Jean-François Dominé, der Borioli auch als Jurist zur Seite steht, jüngst eine Anfrage mit kritischen Fragen zu geltenden Praxis an den Staatsrat eingereicht. In ihrer Antwort hält die Tessiner Regierung daran fest, bei der Ausschreibung und Besetzung der Stelle absolut korrekt vorgegangenen sei. Um im Kanton Tessin anerkannt zu werden, hätte sich der von Borioli absolvierte Master-Studiengang auf der Empfehlungsliste der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) befinden müssen, zu deren Konkordat der Kanton Tessin gehört.

Die eidgenössische Anerkennung eines Masterabschlusses in Schulmusik durch das Bundesamt für Berufsbildung (BBT), wie sie für das Masterstudium Schulmusik II in Luzern vorliegt, bedeutet also keineswegs, dass man damit automatisch auch über eine Lehrbefugnis in der ganzen Schweiz verfügt. Da in der Schweiz das Schulwesen zur Gänze in der Kompetenz der Kantone liegt, kann im Prinzip jeder Kanton selbst über die Anerkennung von Abschlüssen befinden. Um in der ganzen Schweiz anerkannt zu werden, bedürfen die Abschlüsse einer zusätzlichen Anerkennung durch die Erziehungsdirektorenkonferenz der Kantone (EDK), welche in deren Auftrag die entsprechenden Ausbildungsgänge auf Antrag hin überprüft. Der Kanton Tessin macht die Anerkennung durch die EDK für ausserkantonale Studiengänge bei seinen Ausschreibungen zur conditio sine qua non. Und im Falle des Masterstudiums in Schulmusik II der Luzerner Musikhochschule liege eine solche eben nicht vor und sei bisher auch nicht beantragt worden.

Dass der Schwarze Peter solchermassen der Musikhochschule Luzern zugeschoben wird, ist für deren Direktor Michael Kaufmann nicht akzeptabel. Er beklagt das Ausbleiben jeglicher Hinweise seitens der EDK auf den Umstand, dass der Master-Studiengang Schulmusik, der ja nach einem vollständigen Evaluationsverfahren durch das BBT bereits 2011 akkreditiert wurde und in seiner früheren Form als Diplomstudium im Jahr 2003 von der EDK anerkannt wurde, nun nochmals durch die EDK evaluiert werden müsse: « Man kann kein Gesuch einreichen, wenn man nicht weiss, dass eines eingereicht werden sollte. Es wurde nicht kommuniziert, dass es für die kantonale Anerkennung eine Empfehlungsliste gibt, auf der wir uns, wie übrigens auch die Musikhochschule Zürich, eben nicht befinden. » Kaufmann betont, dass dieses Vorgehen gegenüber den in Luzern gegen 30 Studierenden « bildungspolitisch unverantwortlich » sei. Dies umso mehr, als die hohe Qualität der Abgänger aus Luzern weit herum bekannt sei. Die Hochschule werde unverzüglich ein Gesuch bei der EDK einreichen, um eine rasche Anerkennung des Studienganges durch die EDK sicherzustellen. Man erwarte jedoch ein rasches Verfahren und eine provisorische Anerkennung im Sinne der « Qualitätsvermutung » analog demselben Vorgehen der Bundesbehörden bei der Akkreditierung.

In einer ersten Reaktion nahm der Zentralvorstand des SMPV an seiner Sitzung vom 20.8. wie folgt Stellung: « Für den Zentralvorstand des SMPV ist es nicht akzeptabel, dass Studienabgängerinnen und -abgänger unter der offensichtlich mangelhaften Koordination der involvierten Stellen zu leiden haben. Er fordert diese auf, alles zu unternehmen, damit diese Missstände rasch behoben werden können. »

Für Michela Borioli wäre das Ziel erreicht, wenn sie sich auf die nächsten Ausschreibungen im Kanton Tessin hin bewerben könnte. Die Chancen dafür stehen immerhin gut:In ihrer Antwort auf die jüngste parlamentarische Anfrage im Tessiner Grossen Rat kündigt die Tessiner Regierung an, bei der EDK darauf hinwirken zu wollen, dass die Probleme bei der Anerkennung ausserkantonaler Abschlüsse bis zur Ausschreibungsrunde 2012/13 ausgeräumt werden können.

-bt

Termine unserer Sektion

Im Moment gibt es keine Termin dieser Sektion

Termine anderer Sektionen

Komplette SMPV Agenda
Der SMPV ist der grösste schweizerische Be­rufs­verband im Bereich Mu­sik und Bildung. Er be­steht aus einem Zentral­verband und 15 re­gio­nalen Sektionen. Er bie­tet seinen Mit­gliedern ein breites Spektrum an Dienstleistungen an und setzt sich für ihre be­ruf­lichen Interessen ein.

Besuchen Sie den SMPV auf Facebook
Impressum | Kontakt