SMPV ‒ der Weg zur Musik
Schweizerischer
Musikpädagogischer Verband
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Die Ankündigung des Zentralvorstandes, der nächsten Delegiertenversammlung eine Lockerung der Aufnahmebedingungen des SMPV vorzuschlagen, ist trotz der überwiegend positiven Reaktionen von Seiten der Sektionen erwartungsgemäss nicht nur auf Gegenliebe gestossen. Vorweg: Es geht nicht darum, viele neue Mitglieder für den Verband zu gewinnen. Dieses Ziel  verfolgt der Zentralverband mit seinen Mitgliederwerbe-Kampagnen (aktuell mit der Werbebroschüre, den Testimonial-Inseraten und der Internetwerbung), die sich allesamt an MusikpädagogInnen richten. Sie will der Verband in erster Linie ansprechen und gewinnen und auf sie richtet sich die Hoffnung, den konstanten Mitgliederrückgang des SMPV zu bremsen. Bei der Frage der SMPV-Mitgliedschaft werden sich die Delegierten vielmehr zu einer grundsätzlichen, nicht weniger wichtigen Frage äussern müssen: Soll der SMPV mittel- bis langfristig ein in breiter Weise in der Interessenvertretung für Musikerinnen und Musiker tätiger Verband und Kompetenzzentrum für Musikpädagogik sein, oder soll er Wirkungskreis und Mitgliedschaft strikt auf Musiklehrerinnen und –lehrer mit einem Lehrdiplom/Master of Arts in Musikpädagogik beschränken?

SMPV-Mitgliedschaft zu Beginn ohne Einschränkungen

Dass die Mitgliedschaft beim SMPV nur musikpädagogisch qualifizierten Musikerinnen und Musikern offensteht, ist heute für viele SMPV-Mitglieder eine Selbstverständlichkeit, wird mitunter sogar als identitätsstiftendes Merkmal des Verbandes verstanden. Das war nicht immer so. Im Laufe seines mittlerweile fast 120-jährigen Bestehens richtete der Verband seine Statuten – und damit auch die Aufnahmebedingungen – immer wieder am aktuellen Umfeld der Zeit aus.[1] Die ersten beiden Paragraphen der ersten Statuten des Verbandes, der damals noch Schweizerischer Gesang- und Musiklehrer-Verein hiess, lauteten im Gründungsjahr 1893:[2]

  1. Der Schweizerische Gesang- und Musiklehrerverein hat den Zweck: Hebung und Förderung des Gesangs und der Musik in der Schule, Kirche, Haus und Verein und Pflege und Wahrung der Solidarität unter den Vereinsmitgliedern.
  2. Die Mitgliedschaft steht jedem schweizerischen oder in der Schweiz wirkenden Gesang- und Musiklehrer, sowie allen Musikfreunden offen.

Diese offene Regelung der Mitgliedschaft (das Bekenntnis, «Musikfreund» zu sein, genügte) ist vor allem auch vor dem Hintergrund der Realitäten des Musiklebens der Zeit zu verstehen: Musiklehrer waren vielfach mangels entsprechender Ausbildungsangebote undiplomiert, diplomierte Lehrkräfte kamen meist aus dem Ausland.[3] Diese Offenheit lässt sich ausserdem mit dem Umfang der anzugehenden Aufgaben angesichts der noch wenig entwickelten Musikinstitutionen in der Schweiz erklären; man wollte offenbar auf niemanden verzichten, der die Sache unterstützen wollte.

Einführung der Berufsausbildung 1911-13 und striktere Aufnahmekriterien ab 1939

An der Generalversammlung 1911 gab sich der Verband seinen heutigen Namen und verabschiedete neue Statuten. Die Mitgliedschaft wurde hier schon spezifischer geregelt, beinhaltete aber explizit ausübende Künstler und «Musikschriftsteller» (in der Regel wohl Musikwissenschaftler):

«Der Verband erstrebt die Vereinigung aller schweizerischen oder in der Schweiz wohnenden Musik- und Gesanglehrer und –lehrerinnen, Dirigenten, Organisten, ausübenden Künstler und Künstlerinnen, sowie der Musikschriftsteller zum Zwecke der Verbesserung des gesamten Musikunterrichtswesens, der Förderung des allgemeinen musikalischen Lebens und der Hebung des Musiklehrerstandes.»[4]

An derselben Versammlung wurde auch die bislang gewichtigste Zäsur in der erst 18-jährigen Verbandgeschichte beschlossen: es wurde nämlich der Grundstein zur SMPV-Berufsausbildung gelegt, die dann ab 1913 durchgeführt wurde.[5] Es war der Anfang einer Erfolgsgeschichte, die bis ins Jahr 2005 andauern sollte: ein dezentrales, individuelles, auch international einzigartiges Ausbildungsmodell.

Im Juni 1939 verabschiedete eine ausserordentliche Generalversammlung wiederum neue Statuten, die im Wesentlichen die Aufnahmebedingungen, wie wir sie heute kennen, festhielten.[6] Dazu schrieb der damalige Zentralpräsident Prof. Dr. Antoine-E. Cherbuliez:

«Es wird [] Gewicht darauf gelegt, dass allein der fachlich richtig ausgebildete, d.h. der diplomierte Musiklehrer, der diesen Beruf auch wirklich als Hauptberuf ausübt, als Aktivmitglied aufgenommen werden kann, und dass auch nur solchen Musikpädagogen ein noch nicht bestehender , aber von uns mit aller Kraft anzustrebender gesetzlicher Schutz bei der Ausübung ihres Berufes [] zuteil wird, und zwar auf dem Boden der eidgenössischen Gesetzgebung.»[7]

Hier wird deutlich, dass der Verband sich – im ausserordentlich schwierigen wirtschaftlichen Umfeld der Zeit – für die Arbeitsbedingungen der Musiklehrpersonen auf politischer Ebene einsetzen und daher die Mitgliedschaft auch im Sinne des Titelschutzes restriktiver handhaben wollte.[8] Auf der anderen Seite darf vermutet werden, dass auch Fragen der Qualitätssicherung in der Berufsausbildung, die  ja jedem Mitglied offenstand, eine Rolle gespielt haben.[9]

Soweit die Entwicklung der Aufnahmebedingungen von der Gründung des Verbandes bis 1939; bis heute sind sie für Aktivmitglieder grundsätzlich dieselben geblieben. Man kann diesen historischen Abriss – im vollen Bewusstsein der Vereinfachung – in drei Stufen der Verbandsentwicklung zusammenfassen:

-Aufbauphase, keine Berufsausbildung, breites kulturpolitisches Anliegen, offene Mitgliedschaft

-Einführung der Berufsausbildung, breites kulturpolitisches Anliegen, relativ offene Mitgliedschaft

-Konsolidierung der Berufsausbildung, breites kulturpolitisches Anliegen, dazu spezifischere Anliegen (Standesvertretung und Titelschutz), restriktivere Aufnahmebedingungen

Der Verband hat also seine Statuten und insbesondere die Aufnahmebedingungen jeweils vor dem Hintergrund einer veränderten Ausgangslage, bzw. veränderter Schwerpunkte, angepasst.

Heutige Situation

Vor diesem Hintergrund kann man sich fragen, wie der SMPV sich im heutigen bildungspolitischen und musikpädagogischen Umfeld positioniert und ob die Voraussetzungen für die SMPV-Mitgliedschaft noch angemessen sind. Dass das Umfeld sich in den letzten Jahren stark verändert hat, ist unbestritten. Auch der SMPV hat seine Aktivitäten und Strategien zum Teil nicht unwesentlich angepasst. Ins Gewicht fallen vor allem folgende Aspekte:

-Der  Bologna-Prozess mit Bachelor- und Masterstudien hat die Bildungslandschaft im letzten Jahrzehnt nachhaltig verändert. Der SMPV hat auf diese Entwicklung mit der Gründung der Schweizerischen Akademie für Musik und Musikpädagogik (SAMP) und der Auslagerung seiner traditionsreichen Berufsausbildung reagiert. Damit hat der Verband nach 92 Jahren eine überaus gewichtige Zäsur in seiner Geschichte gesetzt – auch wenn dies nie so offen thematisiert wurde. Denn obschon der SMPV der spiritus rector der neuen Berufsausbildung war und die Mitgliedschaft beim SMPV nach wie vor Voraussetzung für die Akkreditierung als Lehrkraft bei der SAMP ist, besteht heute eine klare institutionelle Trennung zwischen SMPV und SAMP. Die seinerzeit verlangte pädagogische Qualifikation war im «alten» System gerade deshalb so wichtig, weil prinzipiell jedes Mitglied Studierende zum SMPV-Diplom führen konnte.

-Der SMPV hat in der Standespolitik den Anspruch einer Alleinvertretung der Musiklehrpersonen (wie sie in den Ausführungen Cherbuliez‘ von 1939 anklingt) längst aufgegeben, und dies aus gutem Grund: Eine gewisse «kritische Masse», also zahlenmässige Stärke, ist heute unerlässlich, um im politischen Prozess überhaupt Gehör zu finden. Der SMPV setzt deshalb heute vor allem auf Allianzen und Kooperationen mit anderen Organisationen. Zu nennen sind hier als gewichtige Verbände der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB), der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) und der Schweizer Musikrat (SMR). Auch die Kooperation mit dem Schweizer Musikerverband (SMV) entspringt der Einsicht, dass es sich lohnt, Synergien zu nutzen und gemeinsam an einem Strick zu ziehen. Aktuelles Beispiel dafür ist die Musikinitiative, Paradebeispiel eines breit abgestützten, alle Akteure im Musikbereich ansprechenden kulturpolitischen Anliegens.

-Der SMPV hat sich 2009 ein klares Profil gegeben, das auf den Pfeilern «Musikpädagogik»«Interessenvertretung»«Dienstleistungen»  basiert. Diese bewusst breite Ausrichtung mit den vielseitigen Vergünstigungen und Hilfestellungen macht ihn auch für viele Musikschaffende ohne pädagogisches Diplom attraktiv. Der SMPV verfügt mit seiner Datenbank für den Privatunterricht über ein Instrument, dass die Erfassung  der entsprechenden pädagogischen Qualifikation zuverlässig erlaubt: damit ist auch sichergestellt, dass der Verband nur Lehrpersonen mit pädagogischer Ausbildung vermittelt . Warum sollte sich der Verband davon abgesehen aber nicht für Mitglieder öffnen, die seine weitgespannten Anliegen unterstützen und mittragen wollen?

Diese Etappe wäre eher eine symbolische Öffnung

Man kann sicher geteilter Meinung darüber sein, wie der SMPV darüber hinaus mittel- bis langfristig auf das veränderte Umfeld reagieren soll. Wichtig scheint zunächst, dass Veränderungen angedacht und diskutiert werden. Zwei Hauptrichtungen sind denkbar: Ähnlich wie 1939 könnte man auf Spezialisierung und damit in der heutigen Situation wohl deutliche Verkleinerung des Verbandes setzen. Oder man kommt zum Schluss, dass der SMPV die Aufgabe und Chance hat, als grösster schweizerischer Berufsverband im Bereich Musik und Bildung seine Anliegen in breiter Weise und mit (zumindest etwas) offeneren Migliederkategorien zu verfolgen und damit insgesamt auch der Fragmentierung der Verbandslandschaft entgegenzuwirken. So oder so: die vom Zentralvorstand vorgeschlagenen behutsamen Änderungen der Aufnahmebedingungen werden – bei Annahme durch die Delegiertenversammlung – dem SMPV keinesfalls scharenweise neue Mitglieder bescheren. Sie entsprechen dem Votum der letzten Präsidialkonferenz, eine Öffnung in Etappen anzugehen. Hingegen würden sie zumindest symbolisch an ein Modell anknüpfen, das ganz am Anfang der Geschichte des Verbandes stand.

 

Lucas Bennett

 



[1] S. dazu auch Max Favre u.a., Musikerziehung in der Schweiz : Festschrift 100 Jahre Schweizerischer Musikpädagogischer Verband, 1893-1993. SMPV, 1993, S. 15f.; 65f.

[2] Zit. nach E. A. Hoffmann, Geschichte des Schweizerischen Musikpädagogischen Verbandes von 1893 bis 1943, in: Antoine-E. Cherbuliez, Geschichte der Musikpädagogik in der Schweiz. SMPV, 1944, S. 415.

[3] A.a.O., S. 411.

[4] A,a.O., S. 426.

[5] A.a.O.

[6] Bericht über die zweite ausserordentliche Generalversammlung 1939 in Zürich, in: Schweizerische Musikpädagogische Blätter, Nr. 13 (1939), S. 193ff.

[7]Antoine-E. Cherbuliez, Die Reorganisation des SMPV, in: Schweizerische Musikpädagogische Blätter, Nr. 24 (1939), S. 370.

[8] S. auch Antoine-E. Cherbuliez (1944),  S. 457.

[9] Entsprechende Hinweise a.a.O., S. 456.

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