SMPV ‒ der Weg zur Musik
Schweizerischer
Musikpädagogischer Verband
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Im Jahre 1911 wurde der Schweizer Tonkünstlerverband vom neugegründeten Internationalen Musikpädagogischen Verband angefragt, als schweizerisches Mitglied mitzuwirken. Beim Tonkünstlerverband fühlte man sich dafür nicht zuständig und empfahl stattdessen den Schweizerischen Gesangs- und Musiklehrerverein, welcher die Einladung seinerseits gleich zum Anlass nahm, sich einen neuen Namen – Schweizerischer Musikpädagogischer Verband – zuzulegen und neue, ehrgeizige Statuten mit einem klaren musikpädagogischen Schwerpunkt zu formulieren. Der neugetaufte SMPV wollte unter anderem «das gesamte Musikunterrichtswesen, das allgemeine musikalische Leben und den Musiklehrerstand heben.» Zu diesem Zweck wollte er sich für eine möglichst hochwertige musikalische Ausbildung in der Schweiz einsetzen. Ebenfalls wurde beschlossen, dass der SMPV künftig eigene Diplomprüfungen anbieten würde. Der Grundgedanke war, dass man den vielen Musikerinnen und Musikern in der Schweiz, die professionell tätig waren, aber nie eine formelle Ausbildung absolviert hatten, eine Möglichkeit bieten wollte, ihre Fähigkeiten an einer Prüfung unter Beweis zu stellen und ein Diplom zu erwerben. In nur zwei Sitzungen hatte der Zentralvorstand eine Prüfungsordnung erarbeitet und verabschiedet, und so fanden am 26. April 1913 in Zürich die ersten Diplomprüfungen des SMPV statt. Die Prüfungsreglemente sind leider verloren gegangen, aber die Anforderungen scheinen viele Interessenten abgeschreckt haben; von zirka 60 Interessenten meldeten sich nur 5 zur Prüfung an. Eine Anmeldung für Handorgel und Trommel musste abgelehnt werden, da man keine passenden Experten fand. Vergeben wurden an jenem Tag zwei Klavier-, ein Orgel, ein Violin- und ein Dirigier-Diplom. Die Prüfung umfasste ein kürzeres Rezital und Blattspiel, je eine mündliche und schriftliche Theorieprüfung inklusive Harmonie-, Formenlehre und Musikgeschichte, sowie eine Probelektion, bzw. ein Probedirigat. Die Verleihung des Diploms bedeutete konkret, dass die Absolventen vom SMPV als «Lehrer und Lehrerinnen in den entsprechenden Fächern empfohlen wurden» – eine behördliche Anerkennung gab es zunächst nicht. Sich über das damalige instrumentale Niveau ein Bild zu machen, ist nicht leicht, doch kann man annehmen, dass es mindestens dem der damaligen Konservatorien vergleichbar war; so betonte der Zentralvorstand: «wir wissen (…) die Würde unseres Musiklehrerstandes zu wahren, indem wir von den Prüfungskandidaten das verlangen, was ein ordentlicher Musiklehrer wissen soll.» Und an die Adresse derjenigen, die sich nicht zu den Prüfungen angemeldet hatten: «[Sie] sind nun hoffentlich definitiv davon überzeugt, dass sie sich die Kosten die Kosten der Bestellung und uns diejenigen der Zusendung hätten ersparen können!» Es ging also auch schon bei diesen frühen Prüfungen des SMPV nicht darum, dass man gute Laien professionalisieren wollte. Vielmehr wollte der SMPV – ganz im Einklang mit seinen neuen Statuten – das Niveau des Musikunterrichts, sei es privat oder an den Schulen, verbessern und nach und nach auf ein möglichst professionelles Niveau bringen.

In den folgenden Jahrzehnten wurde das Prüfungsreglement immer wieder überabeitet und dem veränderten Umfeld angepasst. Langsam entwickelte sich dabei das eigentliche SMPV-Studium, während in den allerersten Jahren lediglich Prüfungen angeboten wurden. Vor allem die pädagogische Qualifikation rückte immer mehr in den Vordergrund. Der pädagogische Fokus blieb trotz aller Herausforderungen des dezentralen Systems auch Jahrzehnte später unverändert wichtig, was sich z.B. in den ab 1991 obligatorischen Methodikkursen äussserte, oder in der Trennung von praktischer und pädagogischer Prüfung.

Neben den Lehrdiplomen wurden im Laufe der Zeit natürlich auch andere Diplomtypen eingeführt: das bis zuletzt angebotene Konzertreife-Diplom, dann ein eher selten absolviertes Theorielehrdiplom und ein Solfège-Diplom. Einige Male durchgeführt, später dann aber ausgesetzt wurden die Schulmusik-Diplome I und II. Auf dem Papier angeboten, aber kaum oder nie durchgeführt wurden ein Orchester- und sogar ein Solistendiplom. Diskutiert, aber wahrscheinlich zu Recht verworfen, wurde vor langer Zeit ein Musikkritikerdiplom.

Natürlich waren es die Lehrdiplome, die bei weitem den grössten Teil der SMPV-Berufsbildung ausmachten und über die Jahre zu einem wichtigen Teil der Musikausbildung in der Schweiz wurden: Zwischen 1911 und 1942 wurden 416, zwischen 1943 und 1967 277 Diplome vergeben, zwischen 1968 und 1991 dann fast 1000 – der Musiklehrberuf war nicht zuletzt durch die vielen neuen Jugendmusikschulen wesentlich attraktiver geworden. Der Zustrom führte andererseits aber auch zu etlichen nicht bestandenen Prüfungen, was 1978 zur Einführung von Aufnahmeprüfungen führte.

Unübersichtlich blieb die Situation bei der staatlichen Anerkennung der Diplome. Obwohl einige Kantone die SMPV-Diplome nie offiziell anerkannten, wirkte sich dies in der Praxis selten negativ aus, denn die Konservatorien anerkannten die SMPV-Diplome in der Regel und in gewissen Kantonen wurden sie zwar nicht offiziell, aber doch in der Praxis anerkannt (z.B. im Kanton Basel-Stadt).

Wer waren eigentlich all die Diplomandinnen und Diplomanden des SMPV? Gab es je den typischen SMPV-Studierenden? Die Frage lässt sich natürlich nicht sinnvoll beantworten. Vielmehr haben ganz unterschiedliche Studierende mit verschiedensten Voraussetzungen und unterschiedlichsten Motivationen von der Möglichkeit der flexiblen Musikausbildung des SMPV profitiert. Klaus Wolters hat in ihnen einmal drei Haupttypen erkannt; erstens: Studierende, die aufgrund bestehender beruflicher Verpflichtungen oder sonstiger persönlicher Gründe, kein Vollzeitstudium absolvieren können; zweitens: Studierende, deren Lehrperson nicht an einer Hochschule unterrichtet und drittens: Hochbegabte, die vom flexiblen Ausbildungsmodell profitieren, indem sie z.B. ihre vielleicht schon begonnene Konzertkarriere oder Lehrtätigkeit nicht zurückstellen müssen fürs Studium.

Natürlich liessen sich noch viele weitere Situationen formulieren, in denen der Wunsch nach einer flexiblen Musikausbildung reifen kann. Es hat deshalb «den SMPV-Studierenden» oder «das-SMPV-Niveau» nie gegeben. Es war im Gegenteil die grosse Stärke dieser privaten Musikausbildung, dass sie mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen und -situationen in Einklang gebracht werden konnte.

Die Zeit ist indessen nicht stehen geblieben. Mit der Bologna-Reform hatten sich auch die Voraussetzungen der (offiziellen und praktischen) Anerkennung der SMPV-Diplome völlig verändert. Der SMPV reagierte auf diese Situation mit der Gründung der Schweizerischen Akademie für Musik und Musikpädagogik SAMP im Jahre 2005 mit dem Auftrag, die SMPV-Studiengänge zu Ende zu führen und eine Bologna-kompatible Berufsausbildung zu schaffen. Die Akkreditierung der Bachelor- und die Bewilligung der Masterstudiengänge – inzwischen unter dem Dach des Departements Musik der Fachhochschule Kalaidos angesiedelt – sind bedeutende Meilensteine auf diesem Weg. In diesen neuen Studiengängen lebt das einzigartige Modell der privaten Musikausbildung hoffentlich noch sehr lange weiter.

Lucas Bennett

Quellen:

E. A. Hoffmann, Geschichte des Schweizerischen Musikpädagogischen Verbandes von 1893 bis 1943, in: Antoine-E. Cherbuliez, Geschichte der Musikpädagogik in der Schweiz. SMPV, 1944, S. 410 ff.

Schweizerische Musikpädagogische Blätter, II (1913), Nr. 5, 9, 12.

Max Favre u.a., Musikerziehung in der Schweiz : Festschrift 100 Jahre Schweizerischer Musikpädagogischer Verband, 1893-1993. SMPV, 1993, S. 39ff.

 

Dieser Text ist eine überarbeitete Version eines Referats, welches der Verfasser an der Delegiertenversammlung 2013 des SMPV hielt.

 

 

 

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